Berühre nicht die weiße Frau

ANSPRUCH:   

****

TITEL: 

Berühre nicht die weiße Frau

SPANNUNG:   

*

ENTSTEHUNGSLAND: 

Frankreich

Italien

ACTION:          

*

ERSCHEINUNGSJAHR: 

1974

HUMOR:           

***

REGIE: 

Marco Ferreri

EROTIK:          

**

DARSTELLER: 

Marcello Mastroianni

Michel Piccoli

Philippe Noiret

Catherine Deneuve

GEWALT:        

***

LÄNGE: 

105 Minuten

GENRE:            

Western

DEUTSCHER KINOSTART: 

23. Januar 1974

ALTERSFREIGABE:  

F.S.K. 12

INTERNETSEITE: 

http://www.arthaus.de/beruehre_nicht_die_weisse_frau

Berühre nicht die weiße Frau Kinoplakatmotiv

WERTUNG:

Der Daumen schräg nach oben

 

 

 

Dieser Film könnte ihnen gefallen, wenn sie

DAS GROSSE FRESSEN von Marco Ferreri mit Marcello Mastroianni und

1941- WO BITTE GEHT`S NACH HOLLYWOODvon Steven Spielberg mochten.

 

 

 

Inhalt

Am „Little Big Horn“ kämpft George A. Custer gemeinsam mit seiner Armee gegen Horden von aufgebrachten Indianern. Die amerikanischen Ureinwohner fordern ihr Land und ihre gottgegebenen Menschenrechte ein. Doch Custer sieht sie als Tiere und Tiere haben keine Rechte…

Kritik

Nachdem die meisten wohl dachten, dass man keinen provokanteren und verrückteren Film drehen kann als den, 1973 erschienenen „Das große Fressen“ von Marco Ferreri, bewies der Skandalfilmer schon ein Jahr später das Gegenteil.

Im Januar 1974 wurde „Berühre nicht die weiße Frau“ erstmals gezeigt. Der Grund, warum der Film keine ähnliche Debatte auslöste, wie zuvor „Das große Fressen“, ist wohl darin zu suchen, dass er dermaßen wahnsinnig ist, dass man ihn entweder damals gar nicht erst ernst genommen hat, oder aber man hat ihn womöglich nicht verstanden. Im Grunde genommen kritisiert Ferreri mit seinem Werk die selbstverliebte und machthungrige Art der modernen, amerikanischen Gesellschaft. Aber wie er diese Botschaft zu übermitteln versucht ist schlichtweg verrückt.

In einer gigantischen Baugrube, mitten in Paris, drehte Ferreri seinen Film. Während Indianer halbnackt (oder auch ganz nackt) umherirren und sich Custor und seine Männer in einem nahe gelegenen Gebäude und dem alten Bahnhof!!! auf die wahnwitzige Schlacht mit den Indianern vorbereiten, sieht man im Hintergrund Bagger, Abrisskugeln und Bulldozer arbeiten. Wie ein Phoenix steigt Ferreris Film aus dem Schutt und Geröll einer gigantischen Baustelle. Offenbar war der Regisseur der Ansicht, dass sein Werk so am besten funktionieren würde. Ohne Kulissen und lediglich mit hervorragenden Schauspielern und Kostümen. Tatsächlich ist das Ergebnis so verrückt, dass man die Bagger etc. nach kurzer Zeit gar nicht mehr bemerkt. Man akzeptiert ihre Anwesenheit und sie verschwimmen mit dem Hintergrund und den restlichen Obskuritäten.

In Wahrheit aber ist es einzig der hervorragenden schauspielerischen Garde geschuldet, dass man die Botschaft des Filmes noch halbwegs ernst nehmen kann. Marcello Mastroianni als George A. Custor ist selbst in diesem apokalyptischen Chaos brillant. Seine innere Zerrissenheit, seine ewig gestrige Art und lachhafte Militärtreue, stellt Mastroianni derart karikativ dar, dass man nicht selten vor Lachen Tränen in den Augen hat. Besonders die Szenen, in denen Custor auf seine Angebetete Marie- Helene de Boismonfrais trifft und auf unglaublich satirische Weise versucht, seine Triebe zu zügeln und ihr so viele und übertriebene Komplimente macht, dass man auf seiner Schleimspur auszurutschen droht. Ein amerikanischer Darsteller hätte diese Leistung wahrscheinlich nicht vollbringen können, da es eines Außenstehenden bedarf, um einen Amerikaner auf diese Weise darzustellen.

Ähnlich passioniert sind auch Phillipe Noiret, Catherine Deneuve, Michelle Picolli und Ugo Tognazzi. Gemeinsam stellen sie eine gewaltige Kritik an so ziemlich jedem Misstand unserer heutigen Gesellschaft dar.

Philippe Noiret ist ein pädophiler General, der sich an seiner eigenen Tochter vergreift.

Michelle Picolli ist „Buffalo Bill“, der amerikanischste Amerikaner, den man sich vorstellen kann und der von Custor abgründig für seine unsensible und distanzlose Art gehasst wird.

Ugo Tognazzi ist Mitch. Ein Indianer, der zur Armee Custors übergelaufen ist und alle verachtet, was auf Gegenseitigkeit beruht.

Catherine Deneuve ist Custors große Liebe Marie- Helene de Boismonfrais. Schon der Name lässt erahnen, dass sie eine französischstämmige Adlige ist, die sich, so wie Custor, krampfhaft an Gesetzmäßigkeiten und alttestamentarische Ansichten klammert.

Im Grunde genommen ist Custor der einzige von allen, der wirklich noch an etwas glaubt. Die anderen handeln lediglich noch zum Selbstzweck und sind schlichtweg asozial.

Unterstützung erfährt dieses Schauspielensemble (neben dem Regisseur natürlich) von einer wunderschön gestalteten, zeitgenössischen Garderobe und ziemlich derben Splattereffekten, die man eher in einem Zombiefilm erwarten würde. Ferreri war der Ansicht, er müsse alles auf die Spitze treiben, um so quasi mit dem Zaunpfahl zu winken, nur das hier nicht mit dem Zaunpfahl, sondern mit abgetrennten Köpfen und ausgeweideten Leichen gewunken wird. Schockierend ist die Gewalt allerdings nicht, da sie unglaublich überspitzt inszeniert ist und daher eher eine skurrile Wirkung hat, ähnlich wie Tarantinos „Kill Bill“.

Vermutlich hätte niemand diesen Film drehen können, außer Marco Ferreri. Eine so verrückte, ausgefallene, provokante und treffende Politikfarce hat es nie wieder gegeben.

Johannes Scholten

FAZIT Verrückter als „El Toppo“ und provokanter als „Das große Fressen“, ein Film der Superlative!

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Veröffentlicht am 25. Juli 2011, in German Reviews. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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